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Geschrieben von: Micha Donnerstag, den 08. September 2011 um 13:00 Uhr
UNGUNSTDrei Jahre danach
(Ein Interview von Big)
Dreizehn Jahre lang saß ich auf der Bühne und trommelte mir die Seele aus dem Leib. Dreizehn Jahre lang in derselben Band. Dreizehn Jahre lang mit guten Freunden. Gemeinsam dreißig meiner Songtexte vertont und veröffentlicht. 2008 stieg ich aus, einen Monat später verließ auch Bassist Kalli die Band. Drei Jahre sind seitdem vergangen. UNGUNST gibt es immer noch. Die Nachfolge an Schlagzeug und Bass konnte vor unserem Ausscheiden bereits geklärt werden, was uns den Weggang erleichterte und Gitarrist Kai und Sänger Marco das Weitermachen in neuer Besetzung.
UNGUNST hat 2010 das Album „Entartete Musik“ veröffentlicht. Drummer Basti und Bassist Jens (zwischenzeitlich Bassist: Tom 2008 - 2010) haben neben den aktuellen Liedern längst auch die alten Stücke drauf. Seit einem Jahr gibt es wieder UNGUNST-Konzerte.
Unsere Freundschaft – teilweise seit Kindheitstagen bestehend – ist erhalten geblieben. Ebenso mein Interesse am Bandgeschehen und eine enge Verbundenheit mit der Musik von UNGUNST. Die Spielweise und der Stil der Songs haben sich durch die Umbesetzung natürlich geändert, aber ich erkenne das alte Herzblut darin wieder. Ein Lied des neuen Albums kommt mir in letzter Zeit beim Hören der Nachrichten häufig in den Sinn. Ich bin neugierig, welche Ereignisse, Gedanken und Intensionen sich aus Sicht der Band hinter dem Song verbergen.
Sänger Marco hat Zeit gefunden, meine Fragen zu beantworten. Ich denke, es ist ein spannendes Gespräch dabei herausgekommen. Obwohl bereits 1995 in Offenbach am Main gegründet und mit mehreren eigenen Platten und rund 150 landesweiten Live-Gigs auch nicht ganz untätig gewesen, ist die Band, die mittlerweile im südhessischen Darmstadt verwurzelt ist, vielleicht nicht jedem sofort ein Begriff. Möglicherweise hat das ja seine Gründe? Also, zum Aufwärmen…
Warum seid Ihr noch nicht berühmt?
Ich würde sagen, weil das Pech, das schon seit unserer Bandgründung vor sechzehn Jahren an uns haftet, sich einfach nicht abschütteln lässt. Du kennst das ja selbst noch aus deiner Zeit bei uns. Das ging schon bei unserer ersten EP „Wut im Bauch“ los. Was haben wir uns gefreut, dass ein Label eine Single mit uns macht. Alles super, bis wir uns dann die Platte angehört haben. Zwischen den Songs waren ewig lange Pausen. Irgendwas ist da schiefgegangen. Hier also gleich ein Apell an alle illegalen Uploader: Wenn Ihr die EP ins Netz stellt, entfernt bitte die Pausen zwischen den Songs. Leider dauert unsere Pechsträhne bis heute an. Wenn wir mal die Möglichkeit haben, vor vielen Leuten zu spielen, kannst du dir sicher sein, dass es ein Open-Air ist und während unseres Auftritts starker Regen einsetzt. Ganz aktuell mal wieder passiert auf dem Festival mit Agnostic Front. Das geht alles nicht mit rechten Dingen zu, sage ich dir.
Stimmt, wir hatten neben einer Menge Glück und Spaß auch ebenso viel Pech im Gepäck. Langweilig wurde es jedenfalls nicht. Was bedeutet dir das Musikmachen? Siehst du dich selbst eher als Musiker, der Punk spielt, oder als Punk, der Musik macht?
Mmh, ich sehe mich nicht als Musiker. Als Punk eigentlich auch nicht. Oh Gott!!!
Vielleicht hätte ich die Frage besser vor fünfzehn oder zwanzig Jahren stellen sollen. Dein Iro, deine bunten Haare, deine Chaostage-Wochenenden, usw. sind Vergangenheit. Welche Assoziationen und Gefühle verbindest du trotzdem noch mit Punk? Wie hat sich deine Sicht der Dinge in den letzten Jahren bzw. Jahrzehnten verändert?
Ich sage es mal so: Wenn sich meine Sicht der Dinge von damals 1988, als es bei mir mit Punk anfing, bis heute nicht geändert hätte, wäre das ein ganz schönes Armutszeugnis. Irgendwann kommt halt der Punkt, an dem man feststellen muss, dass es auch außerhalb der Punkszene nette Menschen gibt. Man kann es einfach nicht am Aussehen festmachen, und das ist auch gut so.
Musikalisch scheinst du mit Punk allerdings noch eng verbunden zu sein. Natürlich durch UNGUNST, aber auch darüber hinaus. Auf zwei, drei Konzerten von anderen Bands haben wir uns dieses Jahr getroffen. Die Zeiten, in denen ich jedes Wochenende unterwegs war, liegen hinter mir. Wie ist es bei dir, wie häufig gehst du zu Gigs anderer Musikgruppen?
Ich muss gestehen, dass ich nicht mehr zu Bands gehe, die ich nicht kenne, aber ansonsten bin ich noch immer voll dabei. Ich fahre zwar nicht mehr extra an den Arsch der Welt, um mir eine gute Band anzuschauen, aber da geht es uns hier in Darmstadt eigentlich gut, hier kommen oft gute Bands vorbei.
Gibt es ein Konzert, an das du besonders gerne zurückdenkst? Was war für dich das beste Konzert, auf dem du je gewesen bist?Das ist schwer zu sagen. Ich bin mittlerweile fünfunddreißig Jahre alt. Die Konzerte, die ich mit fünfzehn, sechzehn erlebt habe, sind mit den heutigen natürlich nicht zu vergleichen. Bei den Konzerten der Abstürzenden Brieftauben oder Mimmis, da sind wir damals komplett durchgedreht, du warst ja dabei. Damals hat man sich noch richtig auf ein Konzert gefreut und konnte es kaum erwarten. Was mich viel mehr interessieren würde, ist, auf wie vielen Konzerten ich schon gewesen bin. Früher war ich jedes Wochenende mindestens auf einem Konzert. Wenn man das hochrechnet, kommt man locker in die Tausende.
Eine spannende Überlegung! Knapp tausend Konzerte werden es bei mir inzwischen wohl auch sein. Was treibt dich an, selbst auf der Bühne stehen zu wollen? Manchen Bands genügt es, eine reine Proberaum- oder Studioband zu sein, wäre das auch etwas für dich?
Dann würde ich direkt das Handtuch werfen. Für mich sind Konzerte und vor allem die Party danach das Größte. Nette Leute kennenlernen. Allerdings wird das zum Problem, wenn die Bandmitglieder keine zwanzig mehr sind. Jeder hat einen festen Job, Familie, noch andere Hobbies, etc. Wir spielen nur noch selten Konzerte, weil immer irgendeiner längst einen anderen Termin hat. Wir haben dieses Jahr schon wieder so viele Konzertanfragen verneinen müssen. Ich hasse es, Konzerte nicht annehmen zu können. Bitte, wenn jemand ein Konzert mit uns organisieren will, lasst uns mindestens ein halbes Jahr vorher das Konzertdatum wissen, dann klappt es zu neunzig Prozent.
Schade, dass trotz Umbesetzung die alten Probleme wieder aufgetaucht sind. Kalli und ich hatten durch unsere Wochenenddienste ja auch nur begrenzt Zeit. Abgesehen von den unveränderten Schwierigkeiten damit hat die neue Besetzung von UNGUNST durch meine mittlerweile aufgetretenen Gesundheitsprobleme, aber natürlich auch im Hinblick auf die musikalische Weiterentwicklung der Band dennoch Sinn gemacht. Ein Song vom Album „Entartete Musik“ geht mir seit einer Weile nicht mehr aus dem Kopf. Marco, du hast ihn geschrieben. Was möchtest du mit dem Lied „Papierkrieg“ aussagen? Was war der Auslöser für diesen Song?
Einen speziellen Auslöser gab es für den Song nicht, die Scheiße passiert ja ständig bzw. hält für immer an, da mache ich mir mittlerweile keine Illusionen mehr. Ich nehme an, dir geht das Lied durch den Kopf, wenn du aktuell in den Nachrichten über die Hungersnot am Horn von Afrika hörst. Mir wird immer ganz schlecht, wenn ich mit Leuten rede, die einfach den Zusammenhang nicht sehen: dass es diesen Leuten so dreckig geht, weil es uns so verdammt gut geht. Die jammern dann echt noch rum. Ich habe letztens einen guten Zeitungsartikel darüber gelesen. Ich musste beim Lesen echt mehrmals unterbrechen, weil es mich so mitgenommen hat. Ich frage mich, wie einem so etwas am Arsch vorbeigehen kann.
Meinst du, dass sich die Welt durch Demos, durch Petitionen, durch Spenden, durch Lieder wie von UNGUNST verbessern lässt? Oder propagierst du als Lösung eher die Sprache der Gewalt?
Mit Gewalt hatte ich noch nie etwas am Hut. Viel bewegen können wir mit unserer Musik sicherlich auch nicht, dafür haben wir ein viel zu kleines Publikum, das eh meistens schon Bescheid weiß. Da setze und hoffe ich mehr auf bekanntere Bands, wie die Hosen oder Ärzte. Wenn die eine Single mit einem guten Textinhalt rausbringen, kann das schon den ein oder anderen auf den richtigen Weg bringen. Das fand ich damals auch bei Rammstein super. Da gibt es im Publikum schon ein paar politisch fragwürdige Personen, das kann man nicht abstreiten. Und dann hauen die plötzlich ihre Single „Links, zwo, drei“ raus. Das hat mir gut gefallen. Und am Ende hat es sicherlich mehr gebracht als alle UNGUNST-Lieder zusammen.
Eine vielleicht etwas indiskrete Frage: Setzt du dich im Alltag auch für andere Menschen ein? Wie weit geht dein soziales und politisches Engagement in der Familie, im Freundeskreis, auf der Arbeit, im Supermarkt, auf der Straße? Wo sind deine Grenzen? Wie gut lassen sich deine Ideale im täglichen Miteinander umsetzen?
Ich gehe zwar nicht mehr so oft auf Demos, dennoch lebe und konsumiere ich heutzutage viel bewusster. Auf Demos gehen und für eine Sache aufstehen halte ich für furchtbar wichtig, aber man sollte schon auch im Alltag bereit sein, Opfer zu bringen: fair gehandelten Kaffee, der 2 Euro teurer ist, oder im Supermarkt die Bio- statt die Billig-Eier kaufen. Das wollte ich ja auch im Text von „Arschgesichter des Todes“ ausdrücken. Man muss sich einfach auch bewusst sein, wo und vor allem wie das billige Fleisch hergestellt wird. Oder wie es möglich sein kann, eine Jeans für 10 Euro zu verkaufen, so dass auch noch Gewinn für den Hersteller drin ist.
Nach all den ernsten Themen nun zu etwas Erfreulicherem: Wann seid Ihr wieder live zu erleben? Stehen dieses Jahr noch Konzerte an?
Wie schon erwähnt spielen wir nur noch selten Konzerte. Am 10. September spielen wir im Schlosskeller in Darmstadt und irgendwann im Oktober in der Nähe von Chemnitz.
Ich drücke dir die Daumen, dass irgendwann auch Zeiten kommen, in denen viele Gigs zu spielen sind. Ich wünsche Euch auf jeden Fall viel Spaß! Zum Abschluss noch dein Musiktipp: Welche Band lässt dich momentan den Lautstärkenregler voll aufdrehen?
Zurzeit läuft bei mir die aktuelle Pascow rauf und runter. Ich frage mich, ob mir die Jungs mein Vinyl umtauschen würden, wenn die Rillen komplett abgenutzt sind und es wegen Dauerbetrieb nicht mehr läuft.
Das Interview mit UNGUNST-Sänger Marco entstand im September 2011.
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