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Immer schön, Yoks vertraute Stimme zu hören. Obwohl oder gerade weil ich geschätzte 95% aller Kleinkunst/Liedermacher-Geschichten mit meiner eher klassischen 90er-Deutschpunksozialisation zwischen Rawside und Lokalmatadore zum Kotzen finde. Eigentlich gibts neben Yok nur noch Funny van Dannen, der mich auf diesem Gebiet mitreißt. OK, seit Neuestem auch Rainald Grebe. Aber auch für die alten Sachen aus den 90ern, die noch unter Quetschenpaua liefen, fehlt mir irgendwie teilweise bis der Zugang. Richtig schätzen und lieben gelernt habe ich ihn mit seinen, nennen wir es mal, Comeback-Album "Drum & Quetsch" von 2002.

Seitdem freue ich mich auf jede Veröffentlichung, ob sie nun eine Solo-Geschichte ist oder eine Kooperation mit anderen Musikern und Künstlern. Aber auch live macht es immer wieder Spaß. Wer befürchtet, einen gediegenen Liederabend mit altlinkem Lehrerpublikum und Weizenbiergläsern bei Yoks Auftritten ausgesetzt zu sein, kann beruhigt sein: In puncto Energie und Aussagekraft steht er vielen jungen Punkbands in nichts nach.

Nun hat er mit „option weg“ eine neue Band gestartet, die gerade ihr erstes Album namens "Wenn der Rücksitz brennt" vorgelegt hat. Anlass genug, telefonisch ein paar Fragen zur Band, zum Album und zu Sachen, die ich gerade in der Zeitung gelesen habe, zu stellen:

ow2Über "option weg" finden man nicht besonders viele Informationen im Internet. Kannst Du ein bisschen was über die Band erzählen? In dem Stück "Szene Kiez" deutest Du ja schon an, dass ihr "verdammt unterschiedlich" seid. Klingt interessant! Was ist damit gemeint?

Wir kommen aus allen möglichen Bereichen der linken Subkultur, sind aber ganz unterschiedliche Wege gegangen bis hierher. Die Wege sind auch unterschiedlich lang weil wir unterschiedlich alt sind. Steffen und ich sind ja beide schon fast fünfzig. Anja und Hella bewegen sich ja noch in den 30ern. Und dann gibts Leute bei uns, die sind im Westen sozialisiert und welche, die sind im Osten sozialisiert und wir haben ganz unterschiedliche Dinge erlebt. Die führen wir gerade zusammen und das ist interessant.

Um mal kurz in der Logik der Musikindustrie zu bleiben: Ist „option weg“ sowas wie die Nachfolgeband von Tod und Mordschlag?

Nee, das kann man überhaupt nicht sagen! Tod und Mordschlag war ja quasi ein Produkt aus der Überlegung, dass ich Solo nicht mehr weitermachen, aber inhaltliche politische Kultur fortführen wollte. „option weg“ ist eigentlich ein Sammelsurium aus Ideen von uns vier Leuten, die sich zusammensetzen und regelmäßig proben, um nicht nur meinen Songs einen Ausdruck zu verleihen, sondern ganz vielen anderen Ideen.

Insgesamt sind ja auf "wenn der Rücksitz brennt" vier verschiedene Sprachen vertreten: Neben Deutsch und Englisch auch Polnisch und Spanisch. Bisher hast Du bzw. Deine Bands, soweit ich mich errinnere, fast immer in Deutsch gesungen. Wie kommts jetzt zu diesem multilingualen Album?

Wir nutzen einfach unsere Möglichkeiten. Der spanische Song beispielsweise, der ist von Anja. "La pequena rebelión" – "Die kleine Rebelion". Da beschreibt sie aus ihrer Perspektive die kleinen Rebellionen, die sie für notwendig hält, um hier emanzipatorisch weiter zu kommen. Warum sie den in Spanisch geschrieben hat, weiß ich ehrlich gesagt gar nicht. Ich glaube, sie hat einfach nicht so viel Lust und Ambitionen, sich in deutscher Sprache auszudrücken. Der polnische Song beispielsweise ist enstanden, als ich eine Vorlage auf Deutsch gegeben habe. Und ich wußte, dass Steffen gut Polnisch spricht. Er hat den Song übersetzt. Es gibt hier auch ne relativ große polnische Community im Berlin und wir hatten einfach Bock drauf, dass Leute, die muttersprachlich polnisch sind, was von unserem Programm verstehen.

Insgesamt ist es ein sehr vielseitiges Album um nicht zu sagen: Kein ganz einfaches. Neben den unterschiedlichen Sprachen gibt es zwei Instrumentalstücke (wenn man das Video dazuzählt), männlicher und weiblicher Gesang, Spoken Word-Stücke und schnelle und langsame Stücke wechseln sich ab. War das geplant oder hat sich das so ergeben?

Das ergibt sich! Es ist unser erstes Album und es zeigt die Facetten, die vorhanden sind. Ich glaube auch nicht, dass sich daraus ne Stilrichtigung ergeben wird, also dass wir die Sachen noch stilmäßig präzesieren oder so. Wir haben einfach festgestellt, dass unsere Stärke nicht darin liegt, dass wir einen klassischen Frontman oder eine Frontfrau auf der Bühne haben oder einen klassischen Textgeber, eine Textgeberin, sondern dass es ein Sammelsurium sein soll aus Performance und unterschiedlicher Musik, weil ich ja beispielsweise auch mehrere Instrumente in der Band spiele. Hella wechselt vom Bass zum Akkordeon zur Geige, Steffen von der Gitarre zum Bass... Anja vom Schlagzeug zum Gesang, das wird so bleiben! Die CD ist so ne Art Sampler obwohl wir eine Band sind. Und genau da haben wir Stärken und ich glaube, genau das ist es, was uns ausmacht.

Heute vor einer Woche habe ich den Bassisten von Bad Religion interviewt. In einer Frage ging es um die Texte des zukünftigen Albums und er merkte an, es würde wohl weniger politisch werden sondern mehr um persönliche Sachen gehen weil man zur Politik weitestgehend alles mal gesagt hätte. Ohne das jetzt bewerten zu wollen: Wie gehst Du mit sowas um? Hast Du das Problem auch?

Ja, aber der Satz ist immer richtig. Es ist alles schon gesagt worden, das ist mir auch bewusst. Aber das ist mir auch seit 20 Jahren bewusst, dass alles was ich jetzt formuliere, auch schon mal anders gesagt wurde. Das war vor 100 Jahren aber auch nicht anders. Es geht halt auch immer darum, für sich persönlich nochmal einen Aspekt zu beleuchten oder das nochmal neu zu formulieren, so dass Du sagst: Das sitzt jetzt aber Aktuell! Das ist jetzt aber nochmal ein Treffer! Und das ist mir auch gerade aktuell wieder ein Anliegen. Wenn Du mir jetzt schon die persönliche Frage danach stellst, ob ich gestern gefeiert habe, [Vor dem Interview fragte ich ironisch, ob Yok auch gestern den 4:0-Sieg "unserer Jungs" gegen Australien gefeiert hätte], dann ist das genau wieder ein Anliegen: ich hab gestern gearbeitet [Yok ist Taxifahrer] und mir sind diese ganzen Nationalzombies mit ihren Fahnen vor's Auto gesprungen mit wahnsinnigen Blicken. Das wird sich jetzt auch durchziehen in den nächsten Wochen und das ist für mich ein Grund, wieder neu darauf Bezug zu nehmen und wenn da jetzt noch ein Song dabei rauskommt, ist das gut... ich hab ja schon vor zwei Jahren einen geschrieben zur EM.

Insgesamt finde ich das eher irreführen weil wieder Dualismus assoziiert, dass Persönliches und Politik sich gegenseitig ausschließt. Kann man das überhaupt trennen?

Eigentlich habe ich Dir die Frage vorhin ja noch gar nicht beantwortet. Persönlich, Politisch... Da kann ich jetzt nur für mich sprechen: Ich werde immer politische Geschehnisse und Zustände aufgreifen, reflektieren und kritisieren. Die werden immer einfließen bei mir. Ich werde nie auf eine Schiene abdriften von wegen: Wie es mir damit geht und mich darauf reduzieren. Ich trenne das andererseits aber auch nicht so klar. Meine Befindlichkeiten baue ich eigentlich immer ein, weil die Wut ja beispielsweise Teil meines Befindens ist und nur dadurch entsteht, daß ich Dinge wahrnehme und beschreibe. Das ist auch der Grund, warum ich überhaupt Songs schreibe. Mal abgesehen davon, dass ich vielleicht auch noch die ein oder andere Information reinstreuen will oder den Leuten auch ein Gefühl geben will von wegen "Klar, dass denken ganz viele hier, niemand ist alleine damit" . Weil das dann auch wiederrum Ausgangspunkt ist von einem politischen und sozialen Protest. Und den für viele Leute zu formulieren, wenn es glückt, dann sind das ja auch die Songs, die später vielleicht mal auf einer Demo gespielt werden. Und das finde ich auch sinnhaft.

Auch Du hast in der Nach-Quetschenpaua-Ära mehr ruhige und nachdenkliche Texte aber gleichzeitig immer noch auch sehr politische Songs. Ich persönlich finde das besser und eine Weiterentwicklung, weil man automatisch mehr hinhört und auch nachdenkt als einfach nur "Deutschland muss sterben" oder ähnliche Parolen mitzugröhlen. Trotzdem wollen die Leute bei deinen Solokonzerten immer wieder die "alten Hits" wie "Q-Dams burning". Wie gehst Du damit um?

Sehr gelassen mittlerweile.

Aber es hat Dich auch schonmal mehr aufgeregt.

Ja, ich hab auch sehr aufgeregt manchmal reagiert. Auch genervt, aber das ist auch ne Sache, die lernst Du ja mit der Zeit. Das erste was ich gelernt habe war: Keiner will mich ärgern damit, wenn er "Q-Damms börning" von der Seite reinruft. Das zweite ist, zu respektieren, dass die Leute, auch wenn das Lied 20 Jahre alt ist, jetzt ein Gefühl dazu haben, weil vielleicht haben sie es vor einem halben Jahr zum ersten mal gehört und sagen "Boa, dass ist ein cooler Song!" und das für manche Leute 2010 das Lied von 1990 noch stimmt und das es genau ihr Gefühl trifft. Mein Gefühl ist es nicht, ich kann das auch erklären: Für mich ist der Ku'damm jetzt wirklich uninteressant. Das ist ne Konsummeile von gestern. Hier gibts ganz andere Entwicklungen, bei denen es sich mittlerweile mehr lohnt, die zu erwähnen. Aber wenn das für andere Leute so stimmt und wenn das für sie ein Symbol gegen Kapitalismus ist und sie meinen, dass Lied ist dafür gut, ist das OK. Und auf der Bühne kann ich das auch mit "Ich hab das gehört und Danke, dass Du meine alten Songs kennst" kommentieren, muss auch nicht beleidigt sein und muss es dann aber auch nicht spielen. Sondern ich sage dann "Pass auf! Ich hab nen aktuellen Song zu dem Thema und der geht jetzt so und den kennst Du noch garnicht! Hör mal zu!" Das akzeptieren die Leute dann auch, weil ich ihnen auch mit Respekt begegne.

Vor ein paar Tagen wurde in der Presse anlässlich der vor 30 Jahren gestürmten Republik Freies Wendland die Quasi-Geburt der breiten Anti-Atomkraftbewegung gefeiert und gleichzeitig darauf hingewiesen, dass diese Bewegung derzeit eine Art Revival feiert. Du als Aktivist der ersten Stunde: Siehst Du das genau so oder ist die Anti-AKW-Bewegung von damals mit der heutigen nicht vergleichbar?

Erstmal ist sie überhaupt nicht vergleichbar und ich sehe auch nicht, dass sie irgendein Revival erlebt. Für mich ist die Mobilisierungskraft der Anti-AKW-Bewegung kontinuierlich nach unten gegangen. Und es ist auch nicht verwunderlich. Es hat sich ja auch sehr verwässert, als die GRÜNEN sich des Themas angenommen haben und es auf dem parlamentarischen Wege versucht haben, indem sie die Laufzeiten begrenzen. Es ist ja auch sehr frustrierend... Wenn Du mal die Castor-Transporte nimmst, die seit 15 Jahren immer wieder neu unterwegs sind: Die bringen einfach einen nach dem anderen ins Lager und dann hörst Du, dass diese sogenannten Endlager natürlich nicht dicht sind und die machen doch erstmal weiter. Und die Proteste ebben zeitgleich ab. Ein Revival sehe ich da überhaupt nicht, beim besten Willen nicht.

Am Wochenende wurden wohl bei einer großen Demo gegen den völlig überraschenden Sozialabbau der Bundesregierung aufgemotzte Chinaböller auf Polizisten geworfen. Für Dich zumindest nachvollziehbare Entladung oder einfach nur irgendein Kinderscheiß, also Krachmachen ohne eigentlich politischen Hintergrund?

Also erstmal weiss ich nicht genau, was passiert ist. Die Meldungen sind ja bislang dubios geblieben. Gestern war in den Nachrichten immer die Rede davon, dass den Verletzten Metall oder Glassplitter aus der Haut geschnitten wurde. Das zeigt schon mal, wie ungenau die Informationen sind. Ich habe keine Ahnung, was bei rauskommt und wer da jetzt was aus welchem Grund was geschmissen hat. Das ist einfach noch nicht bekannt. Das sich Wut entlädt, verstehe ich andersrum aber gut. Aber sollte das tatsächlich so‘n kleiner Splittersprengsatz gewesen sein, der dann offenbar schon die Wirkung hat, eine Traube von Leuten zu verletzten, lehne ich das ab. So eine Waffe an so nem Ort, das kannst du nicht machen! Das Ding streut, splittert und ist alles andere als zielgenau. Beim besten Willen nicht! Wenn sich Proteste auf der Straße formulieren, die auch wütend agieren und auch mal ne Sperre durchbrechen, ein gewisses Maß an politischer Gewalt, das kann ich durchaus nachvollziehen, aber sicher nicht das fahrlässige Hantieren mit Zeug, das explodiert inmitten von Demos (wenn es denn so gewesen sein sollte)

Abschließende Frage: Wer wird Fussballweltmeister?

Ist mir so richtig egal! Trotzdem würde ich mir sehr wünschen, dass Deutschland noch in der Vorrunde rausfliegt.

Vielen Dank soweit. Wer jetzt neugierig geworden ist: Das Ding gibts auch im Plastic Bomb Shop oder bei Yok selber auf seiner Homepage pocketpunk.so36.net, wo es natürlich auch weitere Infos, ein Archiv und vor allem die immer sehr unterhaltsame "Taxigeschichte des Monats" gibt.

Live sind "option weg" im Oktober hier anzutreffen:

Mittwoch 20.10.2010 Marburg - Cafe Trauma

Freitag 22.10 2010 Düsseldorf - Linkes Zentrum

Samstag 23.10.2010 Detmold - Pauline

Freitag 29.10.2010 vermutlich Hamburg

Samstag 30.10. vermutlich in Bremen

und nun: Musik!

 
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Kommentare (3)Add Comment
... geschrieben von Smolle, 21.Juni 2010, 16:32 Uhr
Smolle
also das album kenne ich noch nicht, muss ich demnächst mal reinhören. das letzte yok-album hat mir aber schon gefallen.
und immer wieder schon interviews mit ihm zu lesen, da er ja einiges zu sagen hat und ich viele seiner meinungen direkt unterschreiben würde
... geschrieben von simon, 21.Juni 2010, 16:02 Uhr
simon
das ding läuft im player rauf und runter, geile anschlußscheibe an die vorplatte von yok. besonders gefallen hat mir das lied über die zeit und das wiedersehen. ich hab wirklich das gefühl in einer besseren oder besser gewollten welt zu leben bei yok, auch wenn er manchmal etwas kompliziert daher kommt...man, gruß an die mitstreiter
... geschrieben von JanJoe, 15.Juni 2010, 12:06 Uhr
JanJoe
Interessantes Interview, ich kann das Album auch nur empfehlen..!

Hier gibts noch nen kurzen Konzertbericht http://plastic-bomb.eu/cms/ind...z-chemnitz

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